¨Darf’s a bissle weniger sein?¨- Was seltsam klingt, ist die erste Assoziation, die ich mit dem brandneuen Windows Phone 7 Nokia Lumia 800 verbinde. Nokia,…da war doch was. Nokia, Pionier einer längst vergangenen Ära, als Mobiltelefone noch Handy hießen und nicht Smartphone. Als Handys scheinbar noch nicht über ein mächtiges und omnipräsentes Betriebssystem verfügten. Als Handys noch funktionierten – wie, war erstmal egal.

Das Nokia Lumia 800 im Kampf gegen Android-Windmühlen:

Nokia aber auch in der Assoziation mit der Schließung des Werkes in Bochum, dem geheucheltem Sturm der Entrüstung über die Auswüchse der Globalisierung, als quasi sich in der Hosentasche manifestierendes Grundübel unserer Zeit, die keine Loyalität und enge Bindung zulässt. Solche leere Hülsen einer technologiekritischen Haltung. Nokia-Handys waren einst Kult und man fieberte gespannt der Veröffentlichung des nächsten klobigen Objektes aus der Designschmiede der pfiffigen Finnen entgegen. Das ist längst passé. Vorbei und ja, schade war’s.

Und jetzt, gefühlte Äonen später, dazwischen ein Meer technologischer Erfindungen und veränderter Nutzungsgewohnheiten, sehe ich mich mit dem Nokia Lumia 800 konfrontiert, das ganz anders daherkommt als meine liebgewonnenen Android-Geräte. Ach ja, und ich soll dieses Gerät objektiv testen? Dass ein derartiger Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt wäre, dürfte keine große Überraschung darstellen – daher: ¨Darfs vielleicht ein ein bissle anderer Test sein?¨Kein reines Abspulen objektivierbarer Zahlen, Daten  und Fakten, vielleicht doch eher eine Dokumentation der Benutzung, der Umgewöhnung, ein ehrlicher und subjektiver Erfahrungsbericht eines Android-Benutzers? Werde ich das Nokia Lumia 800 fair bewerten? Ich denke, ich werde keine Scheuklappen tragen. Die Zeiten, in denen ich Grabenkämpfe wegen so einer Sache ausgetragen hätte, wären höchstens in der Pubertät angebracht gewesen, wenn es auf diesem Sektor Grabenkämpfe auszutragen gegeben hätte. Wir sprechen über ein Mobiltelefon, Bezeichnung, Betriebssystem oder Fanboy-Gejaule hin oder her. Das Nokia Lumia 800 fand über die freundlichen Mädels und Jungs von getgoods.de den Weg zu  mir und ich werde mich dieser Herausforderung stellen.

Nokia Lumia 800 & Me : Der erste Kontakt

So so, schlichte blaue Umverpackung, ach warte mal…das ist die Verpackung um die Verpackung…kleiner Kampf…schon besser: eine blaue, mit den Windows Phone-typischen Tiles tritt hervor. Okay, kommt ziemlich stylish daher, da haben sich die Finnen nicht lumpen lassen. Dem Käufer soll von Anfang an suggeriert werden, ein hochwertiges und zeitgemäßes Produkt gekauft zu haben. Doch weil für mich „eine Verpackung ist eine Verpackung ist eine Verpackung“ gilt, ist eine Verpackung eine Verpackung und wird, des Inhalts entledigt links liegengelassen. Viele Anschlüsse hat das Nokia Lumia 800 ja nicht gerade, denke ich, aber es mutet verdammmt edel an. Die Verarbeitung, so ich weiter, ist passgenau. Nichts von wegen, ¨Passt, wackelt und hat Luft¨: hier ist jeder Spalt millimetergenau an der richtigen Stellen, keine scharfen Kanten oder dergleichen. ¨Staubkorn, hier wird dir das Lachen vergehen¨. Ich entdecke den SIM-Kartenschacht und verfluche Nokia zum ersten Mal: Es musste natürlich eine Mikro-SIM-Karte sein? Warum? Um etwaigen Apple-Umsteigern das Gefühl zu geben, ¨zuhause¨ zu sein? Sind Apple-Käufer nicht eher im inhaltsleeren Style-Paradies heimisch? Und, nun, was mache ich jetzt? ¨Kontakt vorzeitig abgebrochen¨ müsste ich der Richtigkeit halber vermelden. Und ich hätte große Lust, es dabei zu belassen. Doch weil eine Mikro-SIM-Karte zwar eine bescheuerte Marketing-Maßnahme ist, deren Sinnhaftigkeit sich mir nicht erschließen mag (so dünn und flach ist das Lumia 800 nun auch wieder nicht), aber letztlich kein absolutes K.O.-Kriterium gegen das Nokia Lumia 800 darstellt, bestelle ich ein Adapter-Set, um meine gewöhnliche SIM-Karte zuzuschneiden. So viel Liebesmühen wollen hoffentlich nicht vergeblich gewesen sein.


Nokia Lumia 800 : Design ist alles

Nokia Lumia 800: Design ist alles

Nähern wir uns von Außen nach Innen, von den Äußerlichkeiten zu den inneren Werten: Ich bleibe dieses Mal eher am Design hängen, denn das ist den Finnen äußerst wunderbar gelungen. Das Nokia Lumia 800, 142 gut in der Hand liegende, wunderbarbar ergonomisch verteilte Gramm werden umhüllt von einer zeitlos schörkellosen Ummantelungen, die nicht nur die Sinne anregt, sondern auch das Auge ansprechen. Das Nokia Lumia 800 sieht nicht nur auf Bildern gut aus, sondern auch in Natura. Besonders tollpatschige Ästheten seien beruhigt: Das Nokia Lumia 800-Display gehört mit seinem Gorilla-Glas zu den besonders robusten Zeitgenossen.

Nokia Lumia 800 : Nicht fummeln!

Neue Plattform, neue Datenkrake! Micorosoft folgt brav den eingetretenen Pfaden, diesmal auf den Spuren der Suchmaschinengiganten wandelnd: ich brauche ein Konto bei Microsoft um das Gerät in seinem vollem Umfang nutzen zu können – etwa für den Market.  Die Einstellungen für das Mail-Konto und die sozialen Netzwerke sind schnell gemacht und gehen leicht von der Hand. Alsbald füllt sich der Startbildschirm mit allerlei Infos. Besonders gelungen ist die übersichtliche Organisation der Kontakte in selbst definierbaren Favoritengruppen. Zum einen kann so etwa private und berufliche Kontakte getrennt voneinander verwalten und im Auge behalten, zum anderen können auf diese Weise auch auf wunderbar elegante und effektive Art und Weise bestimmte Personenkreise mit einer SMS oder Email angesprochen werden. Klar geht das auch auf Android-Geräten auf ähnliche Art und Weise, die intuitive Lösung, die Microsoft auf seinen Windows 7 Phones anbietet, ziehe ich jedoch eindeutig vor.

Und dann? Dann kommt zwar nicht das böse Erwachen, aber als entdeckungsfreudiger Android-Jünger stösst man tatsächlich schnell an die Grenzen des Machbaren. Wie? Alles funktioniert? Wo kann ich denn selbst Hand anlegen? Schwer zu sagen. Unter „Einstellungen“ findet sich beim Nokia Lumia 800 (und bei allen anderen WP7-Geräten) das Menü „Design“: eine leicht schmeichelhafte Umschreibungen der rudimentären Möglichkeiten, die sich hier bieten. Man kann hier zwischen einem „hellen“ und „dunklen“ Hintergrund auswählen sowie die Akzentfarbe bestimmen. Als besonderes Schmankerl wartet das Nokia Lumia 800 hier mit der Option „nokia blue“ auf, womit es sich von Geräten anderer Hersteller unterscheidet. Wahrlich ein fulminates Alleinstellungsmerkmale, ich muss schon sagen.

An dieser Stelle sei auf den hervorragenden Testbericht zum HTC Radar verwiesen, der sich im Detail mit dem Windows Phone 7-OS auseinandersetzt, und Freud und Leid der neuen Smartphone-Architektur beleuchtet. Das Nokia Lumia 800 bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme: wer ein pflegeleichtes Smartphone sucht und kein Problem mit den typischen Restriktionen bei WP 7 Smartphones hat (sei es der Zune-Zwang oder der fehlende  Datentausch via Bluetooth) hat, der bekommt relativ viel Smartphone für sein Geld. Insbesondere ehemalige Android-Benutzer werden sich umgewöhnen müssen.

Nokia Lumia 800 und der Alltag

Schlägt der Alltag zu oder schlägt sich das Nokia Lumia 800 tapfer durch den Alltag? Eine nicht gerade leicht und eindeutig zu beantwortende Frage. Auf der Haben-Seite steht die schnörkellose und intuitive Bedienbarkeit, die ausgezeichnete Qualität beim Telefonieren, das helle und kontrastreiche Display (das für ein Flagschiff-Smartphone mit 3,7 Zoll fast einen Ticken zu klein ausfällt) sowie die mit 8,0 Megapixel auflösende und mit einem Carl Zeiss Tesar-Objektiv ausgestattete Kamera, die für ein Smartphone gute und brauchbare Fotos schießt.

Weniger brauchbar indes ist die Tasache, dass beim automatischen Upload zu SkyDrive die Bilder automatisch auf ca 100 KB gequetscht hochgeladen werden. Da nützt auch die beste Kamera nichts, wenn die Qualität der hochgeladenen Bilder künstlich kastriert wird. Über den Umweg mit Zune können Bilder dennoch verlustfrei auf den PC übertragen werden. Zudem ist im Market eine SkyDrive-App erhältlich, die den Upload ohne Qualitätseinbußen ermöglicht.

Zwar sind die wichtigsten Apps und Spiele (mit der bekannten und auf Android-Geräten schmerzlich vermissten Demo-Funktion) erhältlich, dennoch kann das Angebot an Apps vor allem quantitativ nicht mit dem Android Market mithalten. Microsoft gibt hierbei der Qualität Vorrang und verfolgt damit löblicherweise eine langfristige Strategie, im Moment schaut’s aber noch ein bißchen mau aus.
Die Laufzeit des Akkus war im Testzeitraum durchschnittlich: bei Synchronisation von Google Mail und Facebook, gelegentlichem Surfen, Telefonieren und dem Senden und Empfangen eines halben Dutzend SMS war in der Regel nach 12-13 Stunden ein Boxenstopp an der Stromtheke angesagt. Dass der mit 1450 mAh befüllbare Akku für ein Gerät dieser Displaygröße leicht unterdimensioniert daherkommt und nicht austauschbar ist, macht die Sache leider nicht besser. Das kleinere HTC Radar hat hier definitiv die Nase vorn, spielt aber in einer anderen Ausstattungsliga.

Fazit: Versuch geglückt oder gescheitert?

Zu behaupten, das Nokia Lumia 800 hätte mich vollständig überzeugt, im Sturm erobert und zum Frontkämpfer für die Windows Phone 7-Sache gemacht, wäre glatt gelogen. Es macht sich stattdessen eine Ernüchterung auf hohem Niveau breit: Das Nokia Lumia ist bestimmt kein schlechtes Smartphone, Windows Phone 7 kein unausgegorener Schnellschuss wie manch ein anderes Smartphone-OS, aber um ehrlich zu sein: ich bleibe bei meinem kleinen Androiden. Warum? Weil ich den täglichen Kampf geniesse, aus den manchmal unfertigen Baustellen, die die Android-Schnittstelle bereitstellt, ein funktionierendes Handy zu kreieren? Zunächst einmal bin ich Pazifist, auch meinem Smartphone gegenüber, jedenfalls seit ich seinerzeit das iPhone 3GS gegen ein HTC Desire HD getauscht habe ganz konsequent. Und nein, ich genieße es ganz sicher nicht, manchmal scheinbar sinnlos Stunden mit der nicht ganz perfekten Technik zu kämpfen. Aber ich liebe es, mein Smartphone ganz nach meinen Wünschen einrichten und funktionieren lassen zu können. Die wohl gut gemeinte Gängelung, die Windows seinen Nutzern zuteil werden lässt, verkehrt bei mir in ihr Gegenteil um. Ich möchte möglichst viel selbst steuern können, ich möchte möglichst selbst einstellen und bestimmen können und ja, – ich liebe es mit dem Smartphone zu spielen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Dafür nehme ich gern  die ein oder andere Unzulänglichkeit in Kauf. Es ist ein Grundsatzentscheidung, die ich versucht habe mit diesem Test auf den Prüfstand zu stellen, die ich gerne bereit gewesen wäre über Bord zu werfen. So viel zum ganz persönlichem Fazit.

Es lässt sich jedoch auch ein allgemeingültigeres Resumé ziehen, eines das auch die Mehrzahl der möglichen potenziellen Käufer in Betracht zu ziehen versucht: ich denke an einen durchschnittlichen, an Technik nicht besonders interessierten Benutzer, der mit gutem Recht ein vor allem einfaches und konzeptionell konsistentes Smartphone sein Eigen nennen möchte. Der sich nicht Stunden in Foren aufhalten will. Manch böse Android-Zunge mag hier anraten, doch dann lieber eines dieser „Oma-und-Opa-Handys“ zu kaufen, eines mit den riesengroßen Wähltasten, bei denen man seit Neustem auch SMS verschicken kann. Könnte, man würde aber mit Sicherheit ein stylisches, hervorragend verarbeitetes Smartphone wie das Nokia Lumia 800 verpassen, dass nicht nur die Grundfunktionen des modernen Smartphone-Daseins beherrscht, sondern darüberhinaus mit vielen nützlichen und übersichtlichen Funktionen aufwartet.

Es mag wie eine nicht näher erzählenswerte Nichtigkeit anmuten, aber selten gelang mir das Tippen und Schreiben auf einem Smartphone so leicht und schnell wie mit dem Nokia Lumia 800.
In der Summe darf man das Nokia Lumia 800 trotz der genannten Einschränkungen als beste Windows Phone 7-Neuerscheinung 2011 bezeichnen.

Nokia Lumia 800 :


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