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Mario, Luigi & Me – Betrachtungen über Vergangenheit und Zukunft von Video-Spielen

Angeregt durch den wirklich ausgezeichneten Kommentar „Ist Mobile Gaming eine Gefahr für den PC- und Konsolen-Spielemarkt?“, fragte ich mich, welche Bedeutung Videospiele eigentlich für mich haben. Die E3, die größte Videospielmesse der Welt findet nächste Woche vom 11.-13.6. statt, höchste Zeit, um einmal Inne zu halten. Dabei blicke ich öfters zurück als nach vorne, grabe längst vergessen geglaubte Erinnerungen aus und bemerke, dass nicht nur mein Verhältnis zum Thema einem rasanten Wandel und ständiger Veränderung unterliegt, sondern dass die ganze „Branche“ sich völlig anders präsentiert als ich es zu wissen gemeint habe. Ein Versuch der Einordnung.

1986 – OutRun auf dem Automaten

Outrun auf dem Sega Master System

Ich glaube, das erste Spiel, dass ich wie versessen gespielt habe war der Arcade-Racer Outrun, das ab 1986 in die Spielhallen dieser Welt kam. So auch irgendwann in eine süditalienische Kleinstadt, und fragt bitte nicht nach den Jugendschutzgesetzen, mein Onkel fuhr mich jeden zweiten Sonntag –immer dann, wenn die lokale Fußballmannschaft auswärts spielte– auf seiner Aprilia dorthin: ein Spiel kostete 200 Lire, ich sparte mir die Woche über mein Taschengeld auf und verbrachte dort glückliche Stunde, obwohl ich nicht wirklich auf Autos stand, sondern Maradona vergötterte. Spiele folgten einer enfachen Logik und konnten mich fesseln, weil sie neuartig waren, so völlig anders als die Realität. Vor allem waren sie anderweitig nicht verfügbar und allgegenwärtig wie heutzutage.

1989 – Welcome to Nintendo-Land

Irgendwann kam ich mit dem NES in Berührung, bei Klassenkameraden, die so ein Dinge zuhause herumstehen hatten und ich glaube Kung-Fu Master spielten, aber auch solche Perlen wie Super Mario Brothers 1 & 2 oder Metroid. Ein anderer hatte ein Game Boy, natürlich schwarz-weiß mit Tetris und Super Mario Land, den er mir gelegentlich übers Wochenende auslieh, weil er bei ihm zuhause meist nur auf der Toilette herumlag. Wie viele Kinder meiner Generation, war auch ich ein Nintendo-Jüngling. Ich hatte zwar irgendwann von SEGA gehört, aber deren Konsolen waren schwarz und damit böse. End of Story.

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Hab‘ ich – auch dank mangelnder Alternativen – bis zum Exzess wieder und wieder gespielt.

Nachdem ich monatelang gespart hatte, hielt endlich das heißgeliebte NES Einzug ins Kinderzimmer, vier Controllern und einem Modul mit gleich drei ganzen Spielen: Tetris (eigentlich öde, aber weil es jeder spielte musste man auch hier einen sagenhaften Highscore aufstellen), Super Mario und das sagenhafte Nintendo World Cup.  Null Regeln, derbe Fouls,  mega Fallrückzieher am laufenden Band. Übrigens, die Mexikaner fand‘ ich am coolsten – auch wenn sie nicht die beste Mannschaft waren.

„Heutzutage tendiert man dazu, ein Game (am besten nur kostenlos) kurz anzutesten und wieder in die virtuelle Ecke des Smartphones-Speichers oder der PC-Festplatte zu verbannen. Man verbringt mehr Zeit mit dem Herunterladen und Lesen der Rezensionen als mit dem Spiel selbst.“

Generell fällt mir in der Retrospektive auf, wie viel Aufmerksamkeit man einem Spiel entgegenbrachte, wie hoch die Frustrationsgrenze lag und wie oft man immer wieder ein Spiel hervorkramte. Mieses Leveldesign wie bei Mega Man? Das ist motivierend! Abspeichern? Noch nie gehört…Heutzutage tendiert man dazu, ein Game (am besten nur kostenlos) kurz anzutesten und wieder in die virtuelle Ecke des Smartphones-Speichers oder der PC-Festplatte zu werfen. Man verbringt mehr Zeit mit dem Herunterladen und Lesen der Rezensionen als mit dem Spiel selbst. Ich glaube, ich habe über ein Jahr diese drei Spiele gespielt, zu viel aus heutiger erzieherischer Sicht. Ich hatte auf der anderen Seite aber auch kein Handy, YouTube oder sonstigen Mist und war ansonsten viel an der frischen Luft.

http://youtu.be/Th_vOx-Pou8

Irgendwann kam – endlich – Castlevania III hinzu: gruselig, dunkel, so ganz anders als Mario & Co. Super Mario Bros 3 gab es irgendwann auch, nur fällt mir im Moment die genaue zeitliche Einordnung schwer. Es war auf jeden Fall schon damals ziemlich alt und obwohl ich es schon oft woanders gespielt hatte, musste ich es durchzocken. Ich sag‘ nur Waschbär-Anzug!

1995/1996 PlayStation

Konnte ich damals kaum von der Realität unterscheiden (hüstel…): Ridge Racer auf der Ur-Playstation

Zur Play Station kam ich wie die Teenie-Mutter zum Kind: ungewollt und unvorbereitet. Irgendwie und warum auch immer, lieh ich mir die Konsole samt Ridge Racer in der Videothek (auch so ein Wort, dass ich in den letzten 10 Jahren kaum je aktiv verwendet habe), war fasziniert von der hyperrealistischen Grafik und dem Rausch der Geschwindigkeit. Was soll ich sagen, es fehlte ein wenig am Geld für die sündhaft teure Konsole, denn ich hatte damals doch auch ganz andere Interessen, die meine nicht gerade prall gefüllte Brieftasche überbeanspruchten (Platten, Konzerte, Ausgehen).

„Die Serie war erst 2 Jahre vorher überhaupt gestartet und in der Video Games hatte das Erstlingswerk 77% Spielspaßwertung bekommen.“ (über FIFA)

Das Vorhaben wurde zunächst auf Eis gelegt, ein wenig vergessen und von anderen wichtigen Dingen überlagert, doch ganz verdrängt war es nicht. Ein paar Monate später legte ich mir mein eigenes Exemplar zu samt FIFA ’97, das damals noch gar nicht so wahnsinnig populär und ausgelutscht war wie heutzutage. Die Serie war erst 2 Jahre vorher überhaupt gestartet und in der Video Games hatte das Erstlingswerk 77% Spielspaßwertung bekommen. Meine mich ganz fest zu erinnern. Die ’97er-Ausgabe war der zweite Versuch auf der NextGen-Konsole (haha) und der gelang weitaus besser. Kalli Feldkamp wurde ins Studio geholt um vier, fünf Sätze einzusprechen, die in zur Spielsituation völlig unpassenden Momenten in den immergleichen Varianten eingespielt wurden. Das war Dadaimus in Reinkultur, wenn auch ungewollt! War auch Wolf-Dieter Poschmann dabei? Ich glaube schon. In FIFA ’97 gab es den legendären Hallen-Modus, der irgendwie nie wieder aufgegriffen wurde- zumindest in den Nachfolgern die ich noch aktiv wahrnahm.

2000 PS2/PC

Am Release-Tag der Playstation 2, dem 24. November 2000 waren sehr viele Schüler, Studenten und junge Männer offiziell krankgemeldet. Mehr sage ich nicht.

http://youtu.be/mkb896_UrI4

Große Bedeutung hat dieser Abschnitt der Videospielgeschichte indes nicht gehabt, denn in dieser Phase meines Lebens habe ich studiert, und auch wenn es wie ein Ammenmärchen klingen mag, so viel Zeit hatte ich nicht für Spiele übrig. Nach Studium und Parties. Gezockt habe ich wenig und wenn, dann auch einmal gerne am PC – da konnte/kann man allerdings immer nur 1-2 Jahre die aktuellsten Spiele in akzeptabler Qualität spielen, bevor man wieder für viel Geld aufrüsten musste. Das habe ich zwar auch mitgemacht, aber so wirklich meins war das noch nie. Ich denke, in dieser Zeit wandelte ich mich zum Gelegenheitsspieler, der sich an den zahlreichen Sequels dieser Zeit erfreute: Silent Hill 2, GranTurismo 3 A-Spec oder Metal Gear Solid 2. Irgendwie auch bezeichnend für die gesamte Zeit: es war so, als ob ich damals die Spiele endlich in der Grafikqualität zocken konnte, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte –fast! Dem größten Realitätssimulator, meiner Fantasie tat dies allerdings einen kleinen, entscheidenden Abbruch: dort wo früher grenzenlose Freiheit und Vorstellungskraft für ungetrübten Spielspaß sorgten, traten die ersten unschönen Flecken auf: ist das nicht ein Clipping-Fehler dort in der Ecke? War das Anisotrope Filtern in der Demo nicht noch wesentlich besser? Wann kommt endlich das längst überfällige Update heraus? Bugs, Bugs, Bugs statt perfekter Simulation. Gestiegene Erwartungshaltung und Skepsis statt kindlicher Neugier und Optimismus. Videospiele hatten ihre Unschuld verloren, und ich wendete mich langsam aber sicher neuen Betätigungsfelder hin.

2007PS3 / XBox 360

myfatlady
Kaffee gefällig? Anfangs wurde ich öfters gefragt, warum die Espresso-Maschine neben dem Fernseher steht, bis der PS3-Schriftzug entdeckt wurde.

Neuer Lebensabschnitt, neue Konsole. September 2007 schlug ich in einem Moment geistiger Umnachtung zu und kaufte mir für unfassbare 650 € die PlayStation 3, ein Spiel, dass mir nicht einfällt und die Blu Ray des Films „300“. Wie ehemals auf der PS2 musste als Vernunfts-Argument die Abspielmöglichkeit von neuen Speichermedien herhalten. Dazu der passende fullHD-Fernseher, den ich mir zuvor gekauft hatte und auf passendes Material wartete. Ein Schmetterlingsschlag oder ein umgefallener Sack Reis in China, und ich hätte mir niemals die wahnsinnig fette (im wahrsten Sinne des Wortes) Konsole gekauft.

Wie man sieht, der Weg ins Erwachsenwerden ist von gelegentlichen Momenten der Unvernunft begleitet. Wie zum Beispiel dem Kauf der Xbox 360, weil mein Bruder auch eine hatte und wir so online Rock Band spielen konnten – haben wir glaube ich insgesamt an zwei, drei Abenden gemacht. Mittlerweile verstaubte die PS3 in der Ecke mit kaputter Festplatte, die Xbox 360 wurde an den Bruder verkauft, nachdem seine kaputt ging und meine sich mit der PS3 einen Wettbewerb im Staubanziehen lieferte. Irgendwann war auch die PS3 weg.

Das Smartphone trat in das neu entstandene Machtvakuum, denn gänzlich entschlafen war die Videospiele-Leidenschaft noch nie wirklich. Warum ich keine Konsole mehr nutzte? Es fehlte schlicht und ergreifend die Zeit. Außerdem haben mich die großen Videospiele-Trends in den letzten Jahren einen feuchten Dreck interessiert. Die meisten Fortschritte hat es primär im Grafik-Bereich gegeben, thematisch Neues brachten/bringen die großen Publisher nur selten heraus – The Last of Us scheint da die letzte große Ausnahme abseits der Indie-Games zu werden.

Betrachtungen vom südlichen Ende der Couch

Die PlayStation-Ära war rückwirkend betrachtet ein wichtiger Einschnitt, sowohl persönlich als auch in Bezug auf Videospiele markierte sie den Übergang von der Jugend zum Erwachsenen-Alter. Videospiele entwuchsen ihren Kinderschuhen, aus der einst niedlichen, kunterbunten Welt war ein auf Action, Horror und expliziert (darstellbarer) Gewalt getrimmter Kosmos geworden, der begann unverkennbare Anleihen und Referenzen bei Hollywood-Filmen zu nehmen. Diese Welten sind seitdem einer ständigen Annäherung unterworfen, die es vorher nur in Form schlechter Konsolen-Games bekannter Hollywood-Blockbuster gab. Heutzutage funktioniert die Referenz bzw. Kopie auch unter umgekehrten Vorzeichen, etwa wenn ein Kino-Film überdeutliche Anleihen bei der Actionspiel-Ästhetik nimmt. Videospiele übernehmen immer mehr komplexere Erzählstrukturen und führen diese im Rahmen ihrer Möglichkeiten –Stichwort Interaktion – auch fort. Leider noch viel zu selten, und noch seltener vom Groß der Spieler honoriert.

„Alles, überall und gleichzeitig“

Für sich allein gestellt scheint heutzutage kaum ein Gerät am Massenmarkt überlebensfähig. Warum heisst euer Handy heutzutage Smartphone?

Konsolen müssen im Gegenzug immer mehr können und möglichst alle anderen Geräte ersetzen, am besten gleich in Bezug auf Funktionalität und im Bedienkomfort übertrumpfen. Das macht Konsolen zwar wahnsinnig praktisch, der Familienfrieden hängt auch nicht mehr ganz so schief wie früher, wenn es zur Diskussion um eine eventuelle Neuanschaffung geht. Schließlich findet sich für jedes Mitglied der Familie eine nette Zusatzfunktion oder das passende Videospiel. Das macht Konsolen einerseits zur Eierlegenden Wollmilchsau, aber sie konkurrieren jedoch in der Konsequenz mit jedem anderen elektronischen Gerät, das im Laufe der Zeit zur Eierlegenden Wollmilchsau umfunktioniert wurde. Mein Sat-Receiver Vu+ Solo2  spielt alle Musik- und Videoformate ab, ich kann mir damit das Wetter am Fernseher anzeigen lassen anstatt nach links aus dem Fenster zu schauen und Youtube-Videos in der Werbepausen anschauen. Wenn ich das will. Bloß um ehrlich zu sein, meist will ich das gar nicht. Ich freue mich über jede Funktion, die mein Smartphone, mein Receiver und meine Konsole kann, und ja, vielleicht kauf ich mir eines Tages einen Kühlschrank mit eingebautem TouchScreen und PS2-Emulator, denn ohne Jailbreak, Homebrew oder customROM kommt mir kein Gerät mehr ins Haus –und leider auch nicht mehr aus den Produktionswerken…

„Früher sagte man: „Yankee, go home“ oder „Schuster bleib bei Deinen Leisten“, was sagte man aber heute zu schlecht programmierten Spielen oder Apps?“

Videospiele… ach ja, ich weiß, heutzutage spricht man von Games, ich bin zwar nicht steinalt, aber ein Gewohnheitstier. Und wo wir gerade bei der Wahrheit sind: Ihr könnt mir mit euren Casual Games, Freemium, DLC und In-App-Purchases gestohlen bleiben auf euren tollen übertakteten QuadCore-Smartphones mit custom Kernel, die dann normale Telefonfunktionen nicht mehr sauber beherrschen, weil ein scheintalentierter copy & paste Hobby-Dev seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Früher sagte man: „Yankee, go home“ oder „Schuster bleib bei Deinen Leisten“, was sagte man aber heute zu schlecht programmierten Spielen oder Apps?

angry birds
Sinnbild eines Videospiel-Jahrzehnts: unkomplizierte Casual Games

Jeder kann Alles, jederzeit, überall & unentgeltlich: das gilt nicht nur für elektronisiche Geräte, sondern offenbar auch für die Menschen, die den Maschinen und der virtuellen Realität Leben einverleiben sollen – die wirken aber oft blutleer und künstlich. Also die Spiele. Meisterwerke, Unikate, Originale, eine Geschichte, die zu erzählen sich lohnt, wird nur noch selten geschrieben und noch viel seltener honoriert. Man richtet sich immer mehr am kleinsten gemeinsamen Nenner aus: das macht bei der Hardware durchaus Sinn und ist lobenswert, weil es dem „Höher-, Schneller-, Weiter“-Prinzip und Aufrüst-Wahn entgegengesetzt ist, aber ansonsten verfängt sich das Prinzip doch gewaltig: keine großen Risiken eingehen und das Primat der Ressourcen-schonenden Wiederverwertbarkeit schaufeln der Spielebranche ihr eigenes Grab. Sicher, die Entwickler und Publisher haben Mittel und Wege gefunden, der grassierenden Geiz-ist-Geil-Mentalität und dem innovationsfeindlichen Massengeschmack zu trotzen und ihre Spiele an den Mann/bzw. die Frau zu bringen.

Auf lange Sicht bedeutet das aber, dass die Entwicklung nicht weitergeht: zwar sind Spiele den Kinderschuhen entwachsen, der ehemals Hoffnungen weckende junge Erwachsene der Playstation-Ära ist aber in weiten Bereichen stehengeblieben. Ein infantiler Erwachsener, der es vorzog auf Parties den großen Macker zu geben anstatt sich weiterzuentwickeln.

Mario, Luigi & Me…again!

Meine Konsequenzen habe ich übrigens gezogen: anstatt auf die XboxOne oder die PS4 zu warten oder zu sparen, habe ich mich scheinbar gegen den Trend für eine anachronistisch wirkende Konsole wie die Wii U entschieden und sie gebraucht bei eBay ersteigert. Eine Konsole, die den ganzen Multimedia-Zusatz scheinbar nicht beherrscht, deren Grafik keinem Core-Gamer ein müdes Lächeln abringen wird, sich aber bezüglich Innovationen (etwa dem Controller) auf ihr Kerngeschäft beschränkt und nicht versucht alles zu beherrschen und es jedem Recht zu machen. Ihr könnt es euch sicher denken: lieber spiele ich EIN sehr gutes Spiel monatelang als fünf mehr oder weniger gute für ein paar Minuten.

 

Geschrieben von Gary Madeo

Gary Madeo

Bloggt seit Jahren mit vielseitigen Interessen, kümmert sich um administrative und redaktionelle Inhalte. Sachlich und nüchtern, oder auch persönlich und polemisch – auf jeden Fall aber immer voll bei der Sache.

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